Der nachhaltige Investor für eine Welt im Wandel
Night traffic shutterstock 156230003

Health Care – Gute Aussichten trotz Pandemie-bedingter Turbulenzen

Blog

BNP Paribas Asset Management
 

-

Jon Stephenson, Senior Portfolio Manager für US-Aktien und Spezialist für innovative Unternehmen des Gesundheitswesens in unserer Niederlassung in Boston, diskutiert in diesem Artikel den Ausblick für Gesundheitsaktien nach einem hektischen Jahr.

Die Aktien des Pharmasektors verzeichneten auf dem Höhepunkt des ersten Schocks im März letzten Jahres eine Outperformance, als das ganze Ausmaß der Pandemie deutlich wurde, und die Regierungen die Volkswirtschaften schlossen und es klar wurde, dass die Welt in diesem Moment nicht in der Lage war, das Virus zu bekämpfen. Die Sorge ging allmählich zurück, als Diagnosemöglichkeiten und Tests zur Verfügung standen, eine Behandlungsinfrastruktur eingerichtet war und die Produktion von Impfstoffen begann.

Als die Anleger gelassener mit der Pandemie umgingen, verlagerten sie ihre Aufmerksamkeit und wendeten sich von Pharmawerten ab. Ab April letzten Jahres wurde der „Reopening Trade“ immer populärer; gleichzeitig trat erneut die Sorge der Märkte um Regulierungsreformen wie Arzneimittelpreisgesetze auf. Dazu muss gesagt werden, dass die Outperformance der Biotechnologie-Werte während dieses Zeitraums anhielt.

Was geschah in der Health Care Branche, und welche kurz- und langfristigen Auswirkungen wird das haben?

Als die Pandemie um sich griff, war der Gesundheitssektor, genau wie die Volkswirtschaft allgemein vom Shutdown betroffen. Die Welt kämpfte zu dieser Zeit, um das Virus zu identifizieren; Gegenmittel waren noch nicht vorhanden. Die meisten optionalen und auch viele andere medizinische Eingriffe wurden zurückgestellt. Die Zahl persönlicher Besuche von Arztpraxen und sogar Notaufnahmen ging zurück (sie liegt bis heute unter den vor COVID erreichten Werten). Während dieses Zeitraums übertrafen Gesundheitsaktien den allgemeinen Markt.

Zunächst waren mehr Investitionen in bettseitige Patientenüberwachungsgeräte, Schutzausrüstung, die Erweiterung der Kapazität von Intensivstationen usw. zu verzeichnen. Es wurden hohe Investitionen in verschiedene Testmethoden getätigt, um Infizierte schneller zu identifizieren und zu isolieren. Aber auch in die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen über Krankenhäuser, Kliniken und Labore hinaus machte die Pandemie schnell die großen Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung, in unseren Gesellschaften und in den Volkswirtschaften deutlich, u. a. in Bezug auf Verfügbarkeit und Zugang.

Es werden auch mehrere langfristige Auswirkungen deutlich. Das Gesundheitswesen macht sich die virtuelle Welt zunutze: Es zeigte sich, dass viele Konsultationen und Interaktionen online und in der Cloud erfolgen können. In vielen Bereichen – besonders in der Verhaltensmedizin, Ernährungsberatung, Triage von Patienten und bestimmten Bereichen der Grundversorgung – ist das von Vorteil. Die Konnektivität zwischen Patienten und Ärzten hat zugenommen und ermöglicht somit die bessere Versorgung von Patienten mit komplexeren Problemen. Ärzte können sich jetzt virtuell ein ganzheitlicheres Bild von ihren Patienten verschaffen.

Die hohen Investitionen in die Behandlungskapazität von Intensivstationen bedeutet, dass die Ausrüstung von COVID-Stationen an allgemeine oder postoperative Stationen weitergegeben werden kann. Die Verfügbarkeit bettseitiger Patientenüberwachungsgeräte kann die Versorgung von Patienten verbessern und beispielsweise den Bedarf an Sedierung mit Opioiden verringern, sodass es möglicherweise seltener zu Fällen von Atemdepression oder Todesfällen durch diese kommt.

Die Aussetzung von Behandlungen ohne Zusammenhang mit COVID während der Pandemie könnte für Beunruhigung sorgen. Für Patienten mit Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann der Aufschub der Behandlung dazu führen, dass ihre Erkrankung erst im späteren Verlauf diagnostiziert wird, was die Behandlung komplizierter macht und deren langfristigen Erfolg mindert.

Was die Tests betrifft, so könnte die erhöhte Kapazität dazu führen, dass die Menschen häufiger getestet werden; das könnte den Rückgang von akuten Ausbrüchen von Infektionskrankheiten einschließlich Grippe bewirken, sodass auf lange Sicht die Zahl der Grippetoten zurückgehen könnte.

Unsere verbesserte Fähigkeit, Krankheitserreger zu identifizieren und schnell skalierbare Impfstoffe gegen pandemische Infektionen zu entwickeln, dürfte auf lange Sicht die Widerstandsfähigkeit der Volkswirtschaften erhöhen.

Aufgrund der Ungleichheiten, die zutage getreten sind oder deren man sich stärker bewusst wurde, haben sich die Regierungen schließlich bemüht, den Anteil der krankenversicherten Bevölkerung zu erhöhen. Andere langfristige Probleme, die es zu lösen gilt, sind die Skepsis gegenüber Impfungen, die Frage, ob in Impfkampagnen für Schwellenländer investiert werden sollte, um Viruspools und damit das Risiko resistenter Varianten zu reduzieren sowie der Widerstand der Bevölkerung gegenüber nicht-pharmakologischen Maßnahmen wie dem Tragen von Masken.

Welcher Ausblick bietet sich für die Regulierung des Gesundheitswesens in den USA?

Die USA stellen mit rund 40 % des weltweiten Marktes den größten Gesundheitsmarkt der Welt dar. Was auf dem US-Markt geschieht, ist daher für die Unternehmen des internationalen Gesundheitssektors ganz klar von Bedeutung, weshalb wir es für wichtig halten, auf die Entwicklungen dort einzugehen. Die Sorge der Anleger betrifft derzeit zwei Bereiche:

  • Das Risiko, dass die US-Regierung in den Krankenversicherungsmarkt einsteigt, um in den USA ein staatliches Krankenversicherungsprogramm ähnlich wie in Europa einzuführen. Was die Regulierung betrifft, wird wahrscheinlich die Möglichkeit, einen gemeinnützigen Versicherer zu wählen (‚Regierungsoption‘) und der Anspruch von mehr Menschen auf Medicare (Krankenversicherung für ältere Bürger) vorgeschlagen werden. Ich rechne allerdings damit, dass derartige Pläne im Kongress nur wenig Unterstützung finden. Wahrscheinlicher wären höhere Zuschüsse für Personen, die private Krankenversicherungen abschließen. Das hätte den positiven Effekt, die versicherte Bevölkerung zu vergrößern, da der Abschluss von Versicherungsverträgen erleichtert würde. Die Zahl der Nichtversicherten würde gleichzeitig zurückgehen, und die von den bereits versicherten Personen zu zahlenden Beiträge würden sinken, was eindeutig positiv wäre.
  • Das Risiko einer Reform der Pharmaindustrie. Medikamente sind in den USA teurer als in den meisten anderen Ländern. Ich bin davon überzeugt, dass der zukünftige Anstieg der Arzneimittelpreise per Gesetz auf den Anstieg der allgemeinen Verbraucherpreisinflation beschränkt werden könnte, sodass den Verbrauchern geringere Ausgaben entstehen würden. Es könnte von den Versicherern gefordert werden, einen höheren Anteil an den Arzneimittelkosten zu übernehmen. Der Plan würde ein Entgegenkommen von den Pharmaunternehmen bei den Preisen fordern, und wir denken, dass sie dazu bereit wären. Eine derartige Entwicklung wäre für alle Beteiligten positiv und würde der Unsicherheit bezüglich der Regulierung der Branche ein Ende setzen. So könnten auch Gesundheitskosten in Höhe von mehreren Milliarden Dollar eingespart werden, die dazu beitragen könnten, die von der Regierung geplanten, höheren Infrastrukturausgaben zu finanzieren.

Welche Aussichten bestehen für Aktien des Gesundheitssektors für den Rest dieses Jahres?

Aktien des Gesundheitssektors mussten im bisherigen Verlauf dieses Jahres eine deutliche Underperformance hinnehmen. Diese ist darauf zurückzuführen, dass die Anleger zyklische Anlagen, die von der Erholung nach COVID profitieren, vorzogen und das man Bedenken im Zusammenhang mit stärkerer staatlicher Regulierung hatte, dass Fusionen und Übernahmen bei Biopharma-Unternehmen strenger überwacht werden könnten.

Wir sind aber dennoch davon überzeugt, dass der Ausblick relativ gut ist, nicht zuletzt aufgrund des hohen Abschlags, mit dem die Gesundheitswerte gegenüber dem allgemeinen Markt gehandelt werden und den wir für übertrieben halten. Wir rechnen damit, dass das gesundheitspolitische Umfeld in den nächsten Monaten klarer wird. Mehr Klarheit dürfte als Katalysator für bessere Performance in diesem Segment wirken.

Wichtig ist, dass sich an den langfristigen Wachstumsmotoren – Bevölkerungsalterung, die Notwendigkeit, die Auswirkungen ungesunder Lebensweisen zu mindern und die zunehmende Nachfrage nach Gesundheitsversorgung in Schwellenländern – nichts ändert.

Nicht zuletzt ist die Innovation unglaublich robust (siehe folgendes Diagramm 1), wird aber in diesem Sektor nicht gebührend gewürdigt. Sie schafft neue Märkte, besonders bei Biotechnologie und Pharmazeutika. Die Wissenschaft macht so schnelle Fortschritte, dass inzwischen Behandlungen für Krankheiten verfügbar werden, die man bisher für unheilbar hielt.

Exhibit 1_healthcare


Alle hier geäußerten Ansichten sind die des Autors zum Zeitpunkt der Veröffentlichung und basieren auf den verfügbaren Informationen, womit sie ohne vorherige Ankündigung geändert werden können. Die einzelnen Portfoliomanagementteams können unterschiedliche Ansichten vertreten und für verschiedene Kunden unterschiedliche Anlageentscheidungen treffen.

Der Wert von Anlagen und ihrer Erträge können sowohl steigen als auch fallen und Anleger erhalten ihr Kapital möglicherweise nicht vollständig zurück.

Investitionen in Schwellenländern oder spezialisierten oder beschränkten Sektoren können aufgrund eines hohen Konzentrationsgrads, einer größeren Unsicherheit, weil weniger Informationen verfügbar sind, einer geringeren Liquidität oder einer größeren Empfindlichkeit gegenüber Änderungen der Marktbedingungen (soziale, politische und wirtschaftliche Bedingungen) einer überdurchschnittlichen Volatilität unterliegen.

Einige Schwellenländer bieten weniger Sicherheit als die meisten internationalen Industrieländer. Aus diesem Grund können Dienstleistungen für Portfoliotransaktionen, Liquidation und Konservierung im Namen von Fonds, die in Schwellenmärkten investiert sind, mit einem höheren Risiko verbunden sein.

Mehr zu diesem Thema